Kreuzbund: Selbsthilfe- und Helfergemeinschaft für Suchtkranke und Angehörige.  -  www.kreuzbund-kaarst.de
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Lieber doppelt hinsehen:

Von Studien, die Alkohol gesundheitlichen Wert bescheinigen,
ist wenig zu halten

„Es ist ein Brauch von alters her, wer Sorgen hat, hat auch Likör.“ Nicht nur zu Zeiten Wilhelm Buschs schätzte man Alkohol als Mutmacher, Helfer bei Sorgen oder einfach als Getränk zum Entspannen. Auch heute noch erfreuen sich Wein und Bier grosser Beliebtheit. Doch den vermeintlich positiven Wirkungen stehen eindeutig belegte Gesundheitsgefährdungen gegenüber.

Die alte Idee von der Gesundheitsdroge Alkohol
Alkohol ist eine der ältesten bekannten Drogen und war schon früh rund um den Erdball bekannt. Man vermutet, dass die Chinesen bereits vor rund 9.000 Jahren ein alkoholhaltiges Getränk aus Reis, Honig und Früchten brauten. Etwas später – vor etwa 5.000 Jahren – tranken auch die Babylonier und die Ägypter Alkohol. Wein und Bier galten damals als wichtige Nahrungsmittel mit hohem Energiegehalt. Die Germanen genossen ihren Met schliesslich so reichlich, dass der römische Geschichtsschreiber Tacitus meinte, man könne sie eher durch starke Alkoholzufuhr als durch Kriege vernichten. Im Mittelalter hielt Wein nach der Erfindung der Destillation auch als Heilmittel Einzug in das Leben der Menschen – nämlich als Aqua vitae, also Branntwein. Spätestens seitdem spukt in vielen Köpfen die Idee, Alkohol sei eine „Gesundheitsdroge“. Besonders gern wird auch dem Rotwein und dem Bier eine gesundheitsfördernde Wirkung zugesprochen: „Rotwein ist für alte Knaben eine von den besten Gaben“, reimte etwa Wilhelm Busch.

Alkohol ist kein Medikament
Und der Dichter steht mit dieser Aussage nicht alleine da: Immer wieder geistern durch die Medien neue Studienergebnisse, die belegen wollen, dass Alkoholgenuss die Gefässe schütze und gut für’s Herz sei. Doch die meisten dieser Aussagen tragen allenfalls ein Körnchen Wahrheit in sich. Denn häufig beruhen die erhobenen Daten nicht auf soliden wissenschaftlichen Forschungen, sondern sind schlecht abgesicherte Nebenergebnisse anderer Studien. „Wein und Bier sind keine Medikamente“, sagt der Mannheimer Gastroenterologe Professor Manfred V. Singer, der die Stiftung Alkoholforschung gründete. „Alkohol ist ein Gift für die Zellen. Es hat nur in den seltensten Fällen einen Nutzen.“ Gesicherte Daten über diesen Nutzen gibt es nur wenige. Die entsprechenden Studien beziehen sich meistens auf das Herz-Kreislauf-System. Ihnen zufolge scheint ein geringer bis mässiger Alkoholgenuss das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko zu senken. Allerdings gilt das offenbar nur, wenn keine anderen Erkrankungen wie Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck oder Stoffwechselstörungen vorliegen – und der oder die Betreffende über 50 Jahre alt ist. Auch dürfte der Alkohol andere Organe und Organsysteme bereits bei mässigem Trinken eher schädigen. Das betrifft in erster Linie die Leber. Ausserdem reizt Alkohol die Schleimhautzellen in Mundhöhle, Speiseröhre, Magen und Dünndarm. „Es gibt kaum ein Organ, welches nicht infolge von chronischem Alkoholgenuss geschädigt werden kann“, urteilt Manfred V. Singer. Hinzu kommt eine erhöhte Krebsgefahr – beispielsweise steigt einer Heidelberger Studie zufolge bei 75 bis 100 Gramm Alkohol täglich, also schon drei bis vier grossen Bieren oder einer Flasche Wein, das Risiko, an einem Mundhöhlen- oder Kehlkopfkrebs zu erkranken, um mehr als das Dreizehnfache. Nicht zuletzt kann Alkohol die körperliche und geistige Entwicklung eines ungeborenen Kindes beeinträchtigen. Schwangere sollten deshalb bereits ein Gläschen Sekt oder Wein ablehnen. Auch im Jugendalter wirkt Alkohol sich verheerend aus, weil etwa das so genannte „Komasaufen“ eng mit dem Prestige in der Gruppe verbunden ist und so die Suchtgefahr drastisch steigt.

Je weniger, desto besser
„So geht es mit Tabak und Rum. Erst bist du froh, dann fällst du um“, spasste Wilhelm Busch. Trotz der allgemein bekannten schädlichen gesundheitlichen Auswirkungen ist der Alkoholkonsum unverändert hoch. Die Deutschen nehmen jährlich durchschnittlich 11,5 Liter pro Person zu sich. Manfred V. Singer hat ausgerechnet, dass man mit der Jahresproduktion der deutschen Alkoholindustrie ein Staubecken von der Grösse der Ennepetalsperre im Sauerland bis zur Überlaufgrenze füllen könnte. Deren Eichmarke liegt bei 12,6 Millionen Kubikmetern. Dem stehen rund drei Millionen Alkoholabhängige und zehn Millionen Alkoholgeschädigte gegenüber. Die Schädigungen betreffen nicht immer nur die Gesundheit: Ein übermässiger Konsum an Wein, Bier oder härteren Getränken beeinflusst ebenfalls das soziale Umfeld, also Ehepartner, Kinder oder Freundeskreis. Ebenso kann er wirtschaftliche Folgen haben – für den Einzelnen genauso, wie für Gesellschaft und Gesundheitssystem. Wann ein moderater Alkoholkonsum aufhört und ein übermässiger beginnt, ist individuell verschieden. Medizinische Empfehlungen, wie viel Alkohol jemand höchstens trinken sollte, gibt es derzeit nicht. Fest steht: Je weniger, desto besser. Weitaus gesünder als die Flasche Wein am Abend ist auf jeden Fall, sich eine Vinotherpie zu gönnen. Das Spektrum des Wellnesstrends aus Frankreich umfasst beispielsweise Massagen mit Öl aus Traubenkernen, Packungen, Traubenkernpeelings sowie Fussbäder oder Bäder mit Weinzusatz. Und die kannte sogar schon Wilhelm Busch: „Und da der Arzt mit Ernst geraten, den Leib in warmen Wein zu baden, so tut sie’s auch.“ Doch wer sich an diesen Rat hält, möge Abstand davon nehmen, am Badewasser zu nippen.

So kommen Sie zu einer zuverlässigen Bewertung Ihres Trinkverhaltens:

Schritt 1

Wie viele Gläser konsumieren Sie pro Woche?

1 Glas = 0,125 l Wein oder Sekt bzw. 0,25 l Bier bzw. 0,04 l Spirituosen
(entsprechen 10 g Reinalkohol) 

Schritt 2

Ermitteln Sie Ihren Tagesdurchschnitt nach folgender Formel: 

Konsumtag(e) pro Woche x Gläser im Tagesdurchschnitt x 10 g                                             
                                                 7

Schritt 3

So ordnen Sie Ihren Alkoholkonsum richtig ein (die Menge bezieht sich auf den durchschnittlichen Alkoholkonsum pro Tag):

                                        Männer                   Frauen
risikoarm                          bis 30/40g*             bis 20g
riskant                             31/41 – 60g            21 – 40g
gefährlich                        ab 61g                    ab 41g

Schritt 4

Sichern Sie die Diagnose ab. Zwei oder mehr mit „Ja“ beantwortete Fragen deuten auf schädlichen oder abhängigen Konsum hin:

1. Haben Sie jemals daran gedacht, weniger zu trinken?
2. Haben Sie sich schon einmal darüber geärgert, dass Sie von anderen wegen Ihres
    Alkoholkonsums kritisiert wurden?
3. Haben Sie sich jemals wegen des Trinkens schuldig gefühlt?
4. Haben Sie jemals morgens als erstes Alkohol getrunken, um sich nervlich zu stabilisieren
    oder einen Kater loszuwerden?

*Die unterschiedlichen Schwellenwerte für Männer beruhen auf den unterschiedlichen Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO und der British Medical Association BMA. Die BMA legt die niedrigeren Grenzwerte zugrunde. Achtung: Risikoarm bedeutet nicht risikofrei! Bereits bei mässigem Alkoholkonsum drohen Gesundheitsgefahren!
 

Aus „informiert“ – das Magazin der BKK für Heilberufe – Frühling 2006
 

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